DIE WELT DES SPORTS
„Die Grauzone ist zu groß“
(-vk) Eine Vorverurteilung wollte Heiner Brand nicht vornehmen. Doch die Bestechungsaffäre um das bisherige Vorzeigegespann des Deutschen Handball-Bundes Frank Lemme und Bernd Ullrich (Magdeburg) nahm der Bundestrainer zum Anlass, um in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ für Regeländerungen und eine Professionalisierung des Schiedsrichterwesens einzutreten. NGZ-Sportredakteur sprach mit Kai Wandschneider, dem Bundesliga-Trainer des TSV Dormagen, über die gleichen Themen.
Herr Wandschneider, Heiner Brand hat in einem Interview mit der Welt am Sonntag gesagt: „Es ist eine der wenigen Schwächen unserer Sportart, dass die Interpretation der Regelauslegung einen zu großen Spielraum lässt“. Und er fordert: „Es wäre sinnvoll, die Regeln anders zu formulieren, damit der Spielraum der Schiedsrichter nicht so groß ist und sie weniger Einflussnahme auf ein Spiel ausüben können.“ Stimmen Sie dem Bundestrainer zu?
Kai Wandschneider: Auf jeden Fall. Die Grauzone umstrittener Entscheidungen ist einfach zu groß. Was ist ein Stürmerfoul, was ein Foul eines Abwehrspielers? Wann steht ein Spieler im Kreis? Wann hebe ich die Hand zum Zeitspiel - alles das sind Entscheidungen, die im Ermessensspielraum der Schiedsrichter liegen.
Und deshalb immer wieder zu Kritik führen oder ganz aktuell den Unterstellungen bezüglich Manipulationen Tür und Tor öffnen.
Wandschneider: Richtig. Und dabei mache ich den Schiedsrichtern noch nicht mal einen Vorwurf. Das Spiel ist immer schneller geworden, was auch gut so ist, denn dadurch ist es wesentlich attraktiver geworden. Nur die Schiedsrichter sind dabei auf der Strecke geblieben, ihr Job ist heute ungleich schwieriger als er früher war.
Hört sich an, als ob Sie die Unparteiischen bedauern?
Wandschneider: Bedauern ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber im Großen und Ganzen bin ich, seit wir in der Ersten Liga spielen, mit den Leistungen der Schiedsrichter nicht unzufrieden. Das sah in der Zweiten Liga doch ganz anders aus. Das ändert aber nichts daran, dass es in jedem Spiel mindestens zehn strittige Entscheidungen gibt. Und dass es das Regelwerk im Handball den Schiedsrichtern leichter macht als zum Beispiel im Fußball, mit einer gewissen Tendenz zu pfeifen.
Bei einem 150-fachen Nationalspieler pfeife ich keinen Schrittfehler, bei Szabolcs Laurencz schon.
Wandschneider: Das haben Sie jetzt gesagt. Aber das ist zum Beispiel ein Unterschied zum Fußball - da gibt es keine Schrittfehler, da spielt sich das ganze Geschehen in einem wesentlich breiteren Raum ab und ist deshalb viel langsamer. Aber selbst da gibt es immer wieder Kritik an Schiedsrichterentscheidungen.
Die dann von Videobeweisen und Zeitlupen bestätigt wird oder nicht. Wäre das ein Modell?
Wandschneider: Ich habe mir zuletzt ein paar American Football-Übertragungen angeschaut, da ist das ja gang und gäbe, dass da während des Spiels die Videoaufzeichnung zu Rate gezogen wird. Das könnte man im Handball auch machen . . .
Mit der Folge, dass ein Handballspiel zweieinhalb Stunden dauern würde.
Wandschneider: Richtig, und das möchte kein Mensch sehen. Also muss man sich nicht fragen, ob man die Regeln ändert, sondern, wie man die Regeln sinnvoll ändern kann?
Oder man lässt die Regeln so und führt Profi-Schiedsrichter ein.
Wandschneider: Das sollte auf jeden Fall getan werden. Wir erleben eine zunehmende Professionalisierung unseres Sports, dazu sollten auch Profi-Schiedsrichter gehören. Die hätten eine bessere Ausbildung, der Job wäre auch attraktiver als jetzt, wo es für ein Bundesligaspiel 500 Euro plus Fahrtkosten gibt. Dann könnten auch die ganzen Dinge wie Geschenke und Schiedsrichterbetreuung wegfallen. Und man sollte die Schiedsrichteransetzungen nicht vorher bekannt geben.
Kommen diese Vorschläge angesichts der aktuellen Krise im Handball nicht bereits zu spät?
Wandschneider: Der deutsche Handball macht sicherlich sein schwärzestes Jahr überhaupt durch. Aber wie im richtigen Leben sollte man auch diese Krise als Wendepunkt ansehen, als Chance zur Neuausrichtung und zur Schaffung von professionellen Strukturen.




