DIE WELT DES SPORTS
Die Fernseh-Diktatur
VON VOLKER KOCH
Noch trommeln sie, doch dem Handball laufen die Anhänger davon. NGZ-Foto: H. Jazyk
Eigentlich will sie keiner: Trainer und Spieler nicht, denn sie bringen gewohnte Abläufe durcheinander. Kassierer sind genau so wenig glücklich wie Hallenwirte, denn sie fürchten Umsatzeinbußen.
Und den Fans sagen die neuen Anwurfzeiten der Handball-Bundesliga auch nicht zu, schließlich blieben am ersten Wochenende der neuen Saison allerorten Plätze leer in den schmucken Hallen der Republik: 2 200 beim Spiel Balingen gegen Kiel in der Stuttgarter Porsche-Arena, 2 100 in Melsungen, 1 400 in Minden, 1 250 in Wetzlar, 1 050 in Essen, 500 in Dormagen fehlten bis zum Erreichen des offiziellen Fassungsvermögens. Ausverkauft war allein die Stralsunder Vogelsanghalle beim Heimdebut gegen Lemgo - doch da passen auch nur 1 050 hinein.
Fehlende Euphorie nach dem enttäuschenden Abschneiden der Nationalmannschaft in Peking? Vielleicht auch. Doch die Zuschauerzahlen zum Auftakt der Zweiten Liga Süd (1 960 in Düsseldorf, 1 900 in Willstätt, 1 500 in Obernburg, 1 330 in Eisenach, 1 100 in Coburg,) lassen eher auf andere Gründe schließen, denn sie sind nicht niedriger als in der vergangenen Saison. Der Hintergrund: Die Zweite Liga spielt weiterhin, wann es die Vereine wollen und die Fans es gewohnt sind. Die Erstligisten müssen dagegen dann antreten, wann es die Handball-Bundesliga (HBL) für richtig hält, ohne Rücksicht auf lokale Eigenheiten. Samstags entweder um 15, 17 oder 19 Uhr, Sonntags um 15 Uhr, unter der Woche um 20.15 Uhr - andere Anwurfzeiten sind zumindest in der Hinrunde nicht erlaubt. So musste sich der TSV Dormagen von den zu Zweitliga-Zeiten bei den Fans so beliebten Freitagabendterminen erst einmal verabschieden.
Der Handball geht damit in bewusste Konkurrenz zum Fußball - wenn Dormagen am Samstag um 15 Uhr auf den HSV Hamburg, trifft, erwartet ein paar Kilometer weiter südlich der 1. FC Köln die Münchner Bayern. Früher wäre das ein guter Grund gewesen, ein Spiel zu verlegen. Heute geht das nicht mehr, weil die Partie - in Ausschnitten - ab 17 Uhr im Handball-Magazin auf NDR 1 zu sehen ist. Und sind es nicht die öffentlich-rechtlichen Sender, die die Anwurfzeiten bestimmen, dann ist es sportdigital.tv, „die neue mediale Heimat für Zielgruppensportarten“ (Eigenwerbung), die das tut. Die Vereine folgen blind, weil sie sich von Fernsehpräsenz mehr Sponsoren erhoffen - egal, wie klein die erreichten „Zielgruppen“ auch sind.
Auf der Strecke bleiben Traditionen - Handball ist nun mal eine gefühlte „Abendsportart“, zu der das Bier nach dem Schlusspfiff einfach dazugehört. Doch wer stellt sich künftig schon um 16.30 Uhr an die „längste Theke Dormagens“?
Der Handball folgt damit freilich nur einer Entwicklung, die der Fußball längst vorgemacht hat: Der „einfache“ Fan lässt zwar immer mehr Geld an der Kasse, eine wirkliche Rolle spielt er im Buhlen um „Vip’s“ in den Sponsorenlogen und Fernsehpräsenz schon lange nicht mehr. Während im Fußball zum Ausgleich wenigstens Millionen fließen, dürften die „Fernsehgelder“ im Handball gerade mal die zusätzlichen Kosten decken, die durch Einbau von Kamerabühnen und „fernsehgerechten“ Hallenböden entstehen.
Von fehlenden Zuschauereinnahmen ganz zu schweigen. Bei ausverkauften Hallen und einem durchschnittlichen Kartenpreis von zehn Euro hätten die sechs eingangs erwähnten Klubs 85 000 Euro mehr eingenommen - die muss „sportdigital.tv“ erst einmal erwirtschaften. Und welcher Sponsor möchte schon halbleere Tribünen sehen - erst recht nicht im Fernsehen.




